

Blaue Blume? Klar: Romantik! Das hat Konjunktur. Immer gerne gesehen derzeit. Warum? Auch klar: 21. Jahrhundert, Globalisierung, Verunsicherung, Entfremdung. Dem zu begegnen heißt: Wieder romantisch werden. Kunst als Zuflucht, Kunst als Ausweg, Kunst als heile Welt. Die blaue Blume sei‘s Panier: Glaube, Liebe, Hoffnung. Jetzt also der Kunstsommer: ganz im Trend! „Auf der Suche nach der blauen Blume“. Kein Zweifel: Harmonie ist angesagt. Viel Farbe und viel leuchtend Hell. Was and‘res passt zur blauen Blume nichts.
Meint man.
Ganz so einfach will es der Kunstsommer sich und seinen Teilnehmern freilich auch diesmal nicht machen. Darum auch das eindeutig zweideutige Intro. Also worum geht es?
Die blaue Blume ist das Symbol der Romantik schlechthin. Schon das Blau selbst steht als Farbe der grenzenlosen Dinge, steht für Wasser und Himmel, während Blumen seit jeher schon gleichbedeutend sind mit Schönheit und Harmonie. In dem unvollendeten Roman „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis erstmals verwendet, gilt die blau Blume als Sinnbild für Sehnsucht und Liebe, für das metaphysische Streben nach innerer Einheit und Unendlichkeit, für die Verbindung von Natur, Mensch und Geist. Zu erreichen ist sie nur schwer, eine unaussprechliche und auch nahezu unstillbare Sehnsucht. Wer aber seine Sehnsucht wirklich stillen und seinen Lebenssinn erreichen will, der muss das Unerreichbare erlangen. Heinrich von Ofterdingen, dem Titelheld von Novalis, sollte es letztlich gelingen, die blaue Blume zu finden und das Goldene Zeitalter herbeizuführen, in dem Raum und Zeit aufgehoben und alles Getrennte geeint ist.
So weit alles bekannt. Nichts neues also. Man kann und darf Romantik so verstehen. Dass kann und darf auch jeder, der sich mit entsprechend motivierten Werken an der diesjährigen Ausschreibung beteiligen möchte. Hoffnungen und Sehnsüchte, ganz individuelle Dinge, können das Thema sein. Kleine Fluchten, große Ideale: Das romantische Ideal der blauen Blume hat einen weiten Mantel. Es passt viel darunter.
Auch manches, was man dort vielleicht gar nicht vermuten würde.
Denn unser heutiges landläufiges Verständnis der Romantik bedarf einer Ergänzung. Zwischen verschwimmenden Unschärfen, verfallenen Ruinen und wallenden Nebelmeeren – meinen wir nicht das, wenn wir an die ursprünglich namensgebende Romantik des frühen 19. Jahrhunderts denken? – gerät zuweilen in Vergessenheit, dass eben diese Romantik der Epoche nach 1800 keine Flucht aus dem Alltag ins Private war, sondern eine eminent politische, bildgewordene Auseinandersetzung mit den Zeitverhältnissen. Die Unbestimmtheit, die solche romantischen Bilder ausmacht, war eine Kampfansage an die sehr konkreten Zwecke und Zwänge einer Ära im Umbruch. Und zugleich waren diese Gemälde auch Gegenentwürfe zum Mainstream der zeitgenössischen Kunst, zu Heroengestalten, historischen Genrebildern und spätklassizistischem Prunk. Es war eine Absage an dem äußeren Pomp und ein Schwenk nach innen, der nicht bedeutete, den Kopf in den Sand zu stecken und dort dann still weiter zu träumen. Dahinter stand vielmehr ein echter Oppositionsgeist auf der aktiven Suche nach Freiraum für bessere Lebensformen.
Auch das ist Romantik. Und deshalb ist auch das Thema dieser Ausschreibung.
Der Blick nach innen steht demnach neben dem Blick nach außen, der auf die Seele neben dem auf die Welt. Das eine widerspricht dem andern nicht und schließt es nicht aus. Hier individuelle Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche, dort die Veränderung der gesellschaftlichen Zustände. Davor aber auch die Frage: Worin widerspricht diese wirkliche Welt eigentlich dem, was wir uns von ihr erhoffen?
Wenn Romantik nicht (nur) eine kleine Flucht ist, sondern auch Widerspruch und Auflehnung, dann ist das Thema der Ausschreibung gleichfalls beides.
Wenn Romantik nicht (nur) die Wiedergabe einer seelenvollen Landschaft ist, sondern auch ein permanentes Hinterfragen von Kunst und Kunstbetrieb im Geist einer wohlmeinenden Opposition, dann ist das Thema der Ausschreibung gleichfalls beides.
Wenn Romantik nicht (nur) eine Neuinterpretation der Kunst nach 1800 ist, sondern immer wieder aktuell und überraschend in ihren konkreten Formen, dann wird die Ausstellung zum Kunstpreis des Kunstsommers 2006 gleichfalls beides bieten.